Alles Verschwörung oder nur Wahrscheinlichkeiten? | Psychologie für Zuhause

Herzlich willkommen nach den Sommerferien! Ich hoffe, Sie hatten eine schöne Zeit! Ich war in Deutschland in Urlaub und habe sogar ausnahmsweise mal Sport gemacht – ich bin jeden Tag Rad gefahren und geschwommen – hat mir sehr gut getan.…

Alles Verschwörung oder nur Wahrscheinlichkeiten? | Psychologie für Zuhause

Source

0
(0)

Herzlich willkommen nach den Sommerferien! Ich hoffe, Sie hatten eine schöne Zeit!
Ich war in Deutschland in Urlaub und habe sogar ausnahmsweise mal Sport gemacht – ich bin jeden Tag Rad gefahren und geschwommen – hat mir sehr gut getan.
Außerdem war ich in meinem Urlaubsort auf einer Kundgebung von Menschen, die nicht an das Corona-Virus glauben oder die Massnahmen nicht angemessen finden. Ich fand das sehr interessant, auch wenn ich diese Ansicht nicht teile. Irgendwann lief ein Mann vorbei, der vehement den Kopf schüttelte und laut sagte, „die gehören alle an die Wand gestellt“ Also das fand ich auch nicht o.k.

Was kann uns die Psychologie dazu sagen? In der Psychologie beschäftigen wir uns mit Wahrscheinlichkeiten. Wir versuchen, psychische Krankheiten zu verstehen und zu heilen. Wir wissen, dass eine unglückliche Kindheit, vor allem, wenn ein Kind körperlich, emotional oder sexuell misshandelt wird, mit großer Wahrscheinlichkeit in seinem Erwachsenenleben mit psychischen Krankheiten zu tun haben wird. Da wird viel Forschung betrieben. Es gibt aber immer wieder Menschen, die trotzdem ein gutes Leben haben. Auch das wird erforscht. Zum Beispiel was sind die Bedingungen dafür, dass ein misshandeltes Kind trotzdem ein gutes Leben haben kann. Wir nennen das Resilienzfaktoren.
Wir können die Wirklichkeit nicht dingfest machen. In der Psychologie gibt es sogar ein anerkanntes, gutes Buch von Paul Watzlawik, das heißt: Wir wirklich ist die Wirklichkeit? Also was ist wirklich so, wie wir denken, dass es das ist? Wirklichkeit ist nach Watzlawik das Ergebnis von Kommunikation. Wir schaffen uns die Wirklichkeit, in dem wir darüber sprechen, was wir denken und glauben. Und die Art, wie wir über etwas reden, kann sehr unterschiedlich sein.
Daher können wir uns zur Zeit nur fragen: Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand in Deutschland an Corona erkranken kann? Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand stirbt? Das sind die wichtigen Fragen. Da wir das Virus noch nicht genau kennen, gibt es keine Fragen, die wir mit „wenn, dann“ beantworten können.
Wahrscheinlichkeiten werden gerne in %-Zahlen ausgedrückt und berechnet. Ich frage mal diejenigen, die nichts von Abstand oder Mundschutz halten, ob es etwas verändern würde, wenn wir in Wahrscheinlichkeiten rechnen würden:
Also, wenn es das Corona mit Ansteckungswahrscheinlichkeit von 10% gäbe.
Wenn es eine geringe Wahrscheinlichkeit gäbe, dass Mundschutz und Abstand helfen können….
Und wenn dann deswegen mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit die Oma von XY oder der Bruder von … oder die Frau von … nicht sterben müssten…. .
Wäre das nicht alleine schon Grund genug einen Mundschutz zu tragen und Abstand zu halten?

Warum fällt es uns so schwer, in Wahrscheinlichkeiten zu denken? Da hole ich uns wieder mal die Transaktionsanalyse zu Hilfe:
Immer wenn uns etwas sehr Angst macht, vor allem, wenn unser Leben bedroht ist, neigen wir dazu in unser Kind-Ich zu rutschen. Angst ist ein sehr unschönes Gefühl, aber eigentlich überlebenswichtig, es zeigt uns, wo Gefahr ist. Wenn ein Kind zu viel Angst hat, kann es das Gefühl abspalten und die Realität leugnen. „Ich seh dich nicht, Du siehst mich auch nicht“
Als die Tschernobyl-Katastrophe war, war ich noch eine junge Frau und habe das alles auch nicht ernst genommen. Ich war im Kind-Ich und fand es einfach super, dass die Baggerseen so leer waren und ich sie ganz für mich alleine hatte.
Unsere inneren Kinder haben keine Idee von der Zukunft, von Endlichkeit oder Tod. Sie beschäftigen sich lieber mit Verschwörungstheorien: „Der Herd ist böse, er hat mir die Hand verbrannt…“
Wenn manche sich bedroht fühlen – z.B. durch Corona-Gegner, die keinen Mundschutz tragen wie der wütende Mann vom Anfang, können sie auch ins Kind-Ich gehen und wütend werden. Vielen hilft das auch gegen die Angst. Der Mann geht dann mit der Aggression aus dem Kind-Ich ins K-EL und sagt „die gehören an die Wand gestellt“. Die Zeiten sind ja Gottseidank vorbei. Die wollen wir nicht mehr.
Der Mann könnte aus dem ER z.B. sagen: ich habe Angst, krank zu werden und es würde mir helfen, wenn Sie einen Mundschutz tragen.
Lassen Sie die Angst zu und reden Sie über die Angst, dann können Sie eher den Ich-Zustand wechseln, ins ER-Ich gehen und Wahrscheinlichkeiten besser aushalten.
Wenn Sie das Thema weiter interessiert, schauen Sie sich gerne meinen Film vom 6.4. zu Angst und Wut oder den vom 8.4. zu den Abwehrmechanismen an.

Liebe Zuschauer, fragen Sie sich immer wieder :
-In welchem Ich-Zustand bin ich gerade?
-In welchem Ich-Zustand ist mein Gegenüber?
-Wie wirklich ist die Wirklichkeit, was sind die Konsequenzen?
-Denken Sie in Wahrscheinlichkeiten und bleiben Sie behütet!
__________________
Die Psychologischen Beratungsstellen der evangelischen und katholischen Kirchen in Deutschland sind weiter für Sie da, unabhängig von Religion oder Glauben.

Rufen Sie an – Telefonnummern unter:
www.ekful.de/ueber-uns/beratungsangebote/
www.katholische-beratung.de/

0 / 5. 0

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *